Wer von Cividale del Friuli nach Nordosten fährt, lässt die Ebene ziemlich schnell hinter sich. Die Strasse folgt dem Natisone, die Hänge rücken näher zusammen und aus grösseren Orten werden kleine Dörfer und Weiler. Irgendwann ist Slowenien nur noch wenige Kilometer entfernt.
Hier liegen die Valli del Natisone.
Eigentlich müsste ich von den Tälern sprechen. Der italienische Name steht nicht zufällig im Plural. Neben dem eigentlichen Tal des Natisone gehören auch die Täler seiner Zuflüsse Alberone, Cosizza und Erbezzo dazu. Sie bilden ein fächerförmiges Talsystem im äussersten Osten der italienischen Region Friuli Venezia Giulia. Über allem steht der 1’641 Meter hohe Matajur, der wohl bekannteste Berg der Gegend. Von seinem Gipfel reicht der Blick an klaren Tagen weit über das Friaul und bis zur Adria.
Die sieben Gemeinden, die heute den Kern der Valli del Natisone bilden, sind San Pietro al Natisone, Pulfero, Savogna, Grimacco, Drenchia, Stregna und San Leonardo. San Pietro gilt als Hauptort der Täler. Wer von dort dem Natisone weiter nach Norden folgt, gelangt über Pulfero schliesslich zur slowenischen Grenze und wenig später nach Kobarid, dem italienisch genannten Caporetto.
Geografisch ist das alles schnell erklärt. Kulturell wird es wesentlich interessanter.
Italien, aber nicht einfach nur italienisch
Wer zum ersten Mal in die Valli kommt, dürfte sich irgendwann über die Ortsnamen wundern. Neben italienischen Namen begegnen einem Bezeichnungen wie Špeter, Podbonesec oder Sovodnje. Auf Tafeln stehen zwei Sprachen, manchmal hört man Gespräche, die für italienische Ohren überhaupt nicht italienisch klingen.
Die Valli del Natisone gehören zum historischen slowenischen Sprachraum auf der italienischen Seite der Grenze. Auf Slowenisch heissen sie Nadiške doline.
Die lokale Sprache ist das Nadiško, auch Nediško genannt, eine slowenische Dialektgruppe, die sich über Jahrhunderte in den Tälern entwickelt und erhalten hat. Sie ist nicht einfach das Standard-Slowenisch, das man in Ljubljana hört. Es gibt lokale Unterschiede, eigene Wörter und eine Aussprache, die stark mit der Geschichte dieser Gegend verbunden ist. Gerade in den Dörfern ist diese Sprache bis heute Teil des Alltags und traditionell die Sprache der einheimischen Bevölkerung.
Italienisch ist selbstverständlich allgegenwärtig und die staatliche Amtssprache. Auch Friulanisch spielt in der Region eine Rolle. Wer die Valli aber verstehen will, kommt an ihrer slowenischen Sprache und Kultur nicht vorbei. Sie sind kein später Einfluss aus dem Nachbarland, sondern gehören seit vielen Jahrhunderten zu diesem Gebiet.
Die ersten slawischen Bevölkerungsgruppen siedelten sich bereits im frühen Mittelalter in den östlichen friaulischen Berggebieten an. Historische Quellen berichten im 7. Jahrhundert von Auseinandersetzungen zwischen slawischen Gruppen und den Langobarden. Daraus entwickelte sich eine Sprachgrenze, deren Spuren bis heute sichtbar sind: die romanisch geprägte friaulische Ebene auf der einen und die slawisch besiedelten Berggebiete im Osten auf der anderen Seite.
Benečija und eine ungewöhnliche Geschichte
Für die Gegend gibt es noch einen weiteren Namen: Benečija.
Er hängt mit Venedig zusammen. Benetke ist der slowenische Name für Venedig, Benečija bezeichnet entsprechend das venezianische Gebiet. Auf Italienisch findet man dafür Bezeichnungen wie Slavia Veneta oder Slavia Friulana.
Über Jahrhunderte gehörten die Täler zunächst zum Patriarchat von Aquileia und später zur Republik Venedig. Ihre Lage an der nordöstlichen Grenze machte sie strategisch wichtig. Die lokale Bevölkerung übernahm Aufgaben bei der Sicherung dieser Grenze und erhielt dafür weitgehende administrative und gerichtliche Selbstverwaltung.
Die Dörfer waren in sogenannte Vicinie organisiert. Vertreter der Gemeinschaften regelten viele Angelegenheiten selbst. Eine wichtige Rolle spielten dabei die beiden historischen Bänke von Antro und Merso. Vertreter der Täler trafen sich unter anderem beim Kirchlein San Quirino bei San Pietro.
Diese jahrhundertelang gewachsene Form der Selbstverwaltung endete mit dem Untergang der Republik Venedig 1797. Danach wechselte die politische Zugehörigkeit mehrfach zwischen österreichischer und napoleonischer Herrschaft. 1866 kamen die Valli schliesslich zum Königreich Italien.
Die Grenze, die heute dank Schengen beinahe unsichtbar erscheint, war später wieder von enormer Bedeutung. Im Ersten Weltkrieg lag die Gegend unmittelbar hinter der Front am Isonzo. Noch heute findet man in den Bergen Militärwege, Stellungen und andere Spuren dieser Zeit. Caporetto, das heutige Kobarid, liegt nur wenige Kilometer entfernt und gab einer der bekanntesten Schlachten des Ersten Weltkriegs ihren Namen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Grenze zu Jugoslawien während des Kalten Krieges erneut zu einer harten Trennlinie. Das hatte Folgen für eine Gegend, deren Kultur und Familienbeziehungen sich nicht an diese Staatsgrenze hielten.
Auch die slowenische Sprache hatte es auf italienischer Seite lange schwer. Besonders während des Faschismus wurde ihre Verwendung zurückgedrängt und teilweise verboten. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die Situation kompliziert, weil Slowenisch im politischen Klima des Kalten Krieges teilweise mit Jugoslawien und Kommunismus gleichgesetzt wurde.
Heute ist die slowenische Minderheit in Italien gesetzlich geschützt. Die regionale Gesetzgebung berücksichtigt ausdrücklich auch die sprachlichen Varianten der Valli del Natisone. In San Pietro gibt es zudem ein zweisprachiges italienisch-slowenisches Schulzentrum.
Dass die Sprache noch existiert, ist deshalb keineswegs selbstverständlich.
Ein Tal aus sehr vielen kleinen Orten
Eine Besonderheit der Valli versteht man erst, wenn man die Hauptstrassen verlässt.
Die sieben Gemeinden bestehen nicht einfach aus sieben Dörfern. An den Hängen verteilen sich zahlreiche kleine Ortschaften und Weiler. Manche bestehen nur aus wenigen Häusern. Strassen schlängeln sich durch Wälder hinauf zu Siedlungen, bei denen man sich beim ersten Besuch durchaus fragt, ob da oben überhaupt noch etwas kommen kann.
Dann kommt eine Häusergruppe, eine kleine Kirche, vielleicht ein Brunnen und kurz danach wieder Wald.
Diese Siedlungsstruktur gehört für mich ganz wesentlich zu den Valli. Sie macht die Gegend aber auch verletzlich. Viele Orte haben über Jahrzehnte Einwohner verloren. Arbeit und Ausbildung zogen Menschen in die Ebene, nach Cividale, Udine oder noch weiter weg. In manchen Weilern leben heute nur noch sehr wenige Menschen, andere sind teilweise oder vollständig verlassen.
Die Natur holt sich gleichzeitig Flächen zurück, die früher bewirtschaftet wurden. Wer alte Fotografien mit heutigen Aufnahmen vergleicht, erkennt schnell, wie stark sich die Landschaft verändert hat. Wo früher Wiesen und landwirtschaftliche Flächen lagen, steht heute teilweise dichter Wald.
Natisone, Matajur und sehr viel Grün
Landschaftlich liegen die Valli zwischen der friaulischen Ebene und den Julischen Voralpen. Der Natisone verbindet die Täler und hat sich stellenweise tief in den Fels eingeschnitten. Dazu kommen Bäche, Schluchten, Höhlen und unglaublich viel Wald.
Der Matajur prägt die Gegend besonders. Mit seinen 1’641 Metern ist er kein gewaltiger Alpenberg, steht aber so frei über der Ebene, dass er praktisch überall präsent ist. Auf der anderen Seite liegen unter anderem der Monte Mia und die Bergzüge entlang der slowenischen Grenze.
Eine der bekanntesten Sehenswürdigkeiten liegt bei Antro in der Gemeinde Pulfero. Die Grotta di San Giovanni d’Antro verbindet Natur und Geschichte auf eine ziemlich ungewöhnliche Weise. Hoch über dem Tal befindet sich in einer Höhle eine befestigte Kirche. Der Ort wurde über Jahrhunderte sowohl religiös als auch als Schutzraum genutzt.
Über die ganzen Täler verteilt stehen zudem zahlreiche kleine Votivkirchen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Sie liegen teilweise weit oberhalb der heutigen Hauptorte und erzählen viel darüber, wie dezentral das Leben hier früher organisiert war.
Eine Küche, die ebenfalls von der Grenze erzählt
Auch beim Essen merkt man schnell, dass man sich in einem Übergangsgebiet befindet.
Das bekannteste Produkt der Valli ist wahrscheinlich die Gubana, ein spiralförmig gerolltes Hefegebäck mit einer reichhaltigen Füllung unter anderem aus Nüssen und Rosinen. Dazu kommen die kleineren Strucchi sowie Gerichte wie Štakanje, eine Mischung aus Kartoffeln und Gemüse, oder verschiedene Suppen und Mehlspeisen.
Viele Namen klingen weder typisch italienisch noch typisch friaulisch. Auch die Küche erzählt damit dieselbe Geschichte wie die Sprache: Hier haben sich über Jahrhunderte verschiedene kulturelle Einflüsse getroffen, ohne dass daraus einfach das eine oder das andere geworden wäre.
Weshalb kennt kaum jemand diese Gegend?
Das frage ich mich regelmässig.
Cividale del Friuli ist UNESCO-Welterbe und touristisch bekannt. Kobarid und das Soča-Tal auf der slowenischen Seite ziehen ebenfalls viele Besucher an. Dazwischen liegen die Valli del Natisone und werden erstaunlich oft einfach durchfahren. Vielleicht liegt genau darin ein Teil ihres Reizes.
Es gibt hier keine grossen Hotelanlagen und keine Bergbahnen, die jeden Gipfel erschliessen. Viele Sehenswürdigkeiten muss man bewusst suchen. Manche Strassen enden einfach in einem Weiler. Wer nur die Hauptstrasse von Cividale Richtung Slowenien fährt, hat von den eigentlichen Tälern kaum etwas gesehen.
Zu Fuss oder mit dem Mountainbike verändert sich das Bild schnell. Alte Wege verbinden Dörfer, Wälder und Bergrücken miteinander. In den vergangenen Jahren ist gerade beim Mountainbike einiges entstanden. Die Natisone Bike Arena erschliesst mittlerweile ein Netz von Trails in der Region. Wandern, Radfahren und Mountainbiken passen zu einer Gegend, deren Stärke weniger in einzelnen Attraktionen als in ihrer Landschaft liegt.
Weshalb ich so oft über die Valli schreibe
Für mich sind die Valli del Natisone längst mehr als ein Punkt auf der Landkarte.
Ich verbringe hier seit Jahren einen Teil meiner Zeit und wohne während meiner Aufenthalte in einem kleinen Weiler oberhalb von Pulfero. Mit jedem Jahr kenne ich ein paar Menschen, Wege und Geschichten mehr. Trotzdem entdecke ich ständig Dinge, von denen ich vorher nichts wusste. Vielleicht fasziniert mich genau das.
Die Valli drängen sich nicht auf. Vieles muss man suchen oder sich erzählen lassen. Hinter einem unscheinbaren Weg liegt plötzlich eine jahrhundertealte Kirche. Ein fast verlassener Weiler hat eine Geschichte, die weit über seine wenigen Häuser hinausgeht. Ortsnamen erzählen von Familien, Sprache und Vergangenheit. Im Wald liegen Wege, die einmal wichtige Verbindungen zwischen den Dörfern waren.
Gleichzeitig sind die Valli kein Museum. Menschen leben hier, Vereine halten Traditionen am Leben, neue Projekte entstehen und andere Dinge verschwinden. Das Tal verändert sich.
Auf diesem Blog werden deshalb immer wieder Geschichten aus den Valli del Natisone auftauchen. Über Orte und Menschen, über Geschichte, Mountainbike, Essen und vermutlich auch über Dinge, über die ich heute selbst noch nichts weiss.
Dieser Beitrag soll dafür der Anfang sein. Eine Erklärung, wo diese Valli eigentlich liegen. Alles andere braucht etwas mehr Zeit.


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