Heimweh nach einem Ort, an dem ich nicht lebe

Heute hat mir ein Kollege ein Foto geschickt. Er war in der Gegend unterwegs und ist an der Abzweigung zu dem kleinen Weiler vorbeigekommen, in dem wir jeweils wohnen. Er hat kurz angehalten, die Tafel fotografiert und mir das Bild geschickt. Danach ist er weitergefahren, sein Ziel lag ganz woanders.

Das Foto hat etwas mit mir gemacht, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Ich sah diese Tafel und hatte auf einmal richtig Heimweh. Nicht dieses «wäre jetzt schön, wieder einmal dort zu sein», sondern eine ziemlich heftige Sehnsucht. Ich wäre am liebsten ins Auto gestiegen und losgefahren.

Dabei ist auf dem Bild wirklich nichts Spektakuläres zu sehen. Ich kenne diese Abzweigung, ich kenne die Strasse, ich weiss, was nach der nächsten Kurve kommt. Genau das war vermutlich das Problem. Das Bild hat sofort all das zurückgebracht, was ich mit diesem Ort verbinde.

Für einen kurzen Moment war ich sogar neidisch auf meinen Kollegen. Eigentlich völlig bescheuert, denn er wollte nicht einmal dorthin. Er hat nur angehalten, um mir eine Freude zu machen. Trotzdem dachte ich: Du bist jetzt dort und ich sitze hier.

Die Valli del Natisone fehlen mir.

Ich weiss durchaus, dass ich vieles romantisiere. Wenn wir dort sind, haben wir meistens Ferien. Ich muss nicht zur Arbeit, der Tagesablauf ist ein anderer und vieles ist automatisch entspannter. Das Leben in einem kleinen Weiler im Friaul besteht selbstverständlich nicht nur aus schönen Sommertagen, Mountainbike, gutem Essen und einem Caffè irgendwo in der Sonne.

Trotzdem fühle ich mich dort unglaublich wohl. Ich mag die Ruhe und die Einfachheit. Ich mag diese kleinen Strassen, die Dörfer und Weiler, die Wälder und die Berge. Mir gefällt, dass man sich kennt und grüsst. Dass vieles ein bisschen langsamer läuft. Es ist schwer zu beschreiben, ohne daraus gleich irgendeine kitschige Italienromantik zu machen.

Das Tal ist auch nicht perfekt. Manche Orte wirken beinahe verlassen, viele junge Menschen sind weggezogen und für vieles muss man weitere Wege in Kauf nehmen. Im Winter sieht die Welt dort vermutlich nochmals ganz anders aus als während unserer Sommerferien. Ich kenne diese Seite und trotzdem zieht es mich immer stärker dorthin.

Vielleicht beschäftigt mich deshalb schon länger der Gedanke, mehr Zeit dort zu verbringen. Nicht gleich alles hier abzubrechen und auszuwandern. Dafür hängt viel zu viel von meinem Leben in der Schweiz ab. Aber drei Wochen Ferien im Sommer fühlen sich inzwischen fast zu wenig an.

Ich möchte das Tal auch ausserhalb dieser Ferienblase erleben. Im Herbst kenne ich es bereits ein wenig, aber mich würde auch interessieren, wie sich ein ganz normaler Alltag dort anfühlt. Arbeiten, einkaufen, schlechtes Wetter haben, morgens aufstehen und eben nicht das Gefühl haben, dass jeder Tag ein Ferientag sein muss.

Ob ich danach immer noch gleich darüber denken würde, weiss ich nicht. Wahrscheinlich würde einiges von der Romantik ziemlich schnell verschwinden. Das wäre vielleicht gar nicht schlecht.

Das Seltsame ist, dass ich dieses Gefühl tatsächlich als Heimweh empfinde. Dabei lebe ich nicht dort. Mein Alltag und meine Familie sind hier, mein Lebensmittelpunkt ist in der Schweiz. Trotzdem gibt es inzwischen diesen zweiten Ort, bei dem ich beim Wegfahren jedes Mal weiss, dass ich wiederkommen will.

Heute hat dafür eine einfache Strassentafel gereicht.

Mein Kollege ist nach dem Foto weitergefahren. Ich wäre gerne abgebogen.

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