Valli del Natisone

Ein erster Ferientag ist immer ein seltsamer Übergang. Eben noch bestimmen Termine, Projekte und Alltag den Rhythmus. Wenige Stunden später stehst du zwischen bewaldeten Bergen, hörst den Wind und stellst fest, dass der Kopf keineswegs abschaltet. Er bekommt lediglich wieder Platz für andere Gedanken.
Genau so beginnt meine Zeit in den Valli del Natisone.

Die Täler liegen im östlichen Friaul, unmittelbar an der Grenze zu Slowenien. Auf Slowenisch werden sie Nediške doline genannt. Schon dieser zweite Name erzählt etwas über die Region: Italienische, friulanische und slowenische Einflüsse treffen hier nicht bloss geografisch aufeinander. Sie zeigen sich in der Sprache, in den Ortsnamen, in den Traditionen und in den Geschichten der Menschen.
Wer nur hindurchfährt, sieht vor allem Wälder, kleine Dörfer und schmale Strassen. Wer länger bleibt, bemerkt jedoch, dass diese Landschaft weit mehr verbirgt. Alte Wege verbinden verstreute Siedlungen. Kleine Kirchen stehen an Orten, an denen man sie kaum erwarten würde. Manche Häuser sind sorgfältig erhalten, andere erinnern daran, dass viele Menschen die Täler im Verlauf der Jahrzehnte verlassen haben.

Vielleicht liegt genau darin die besondere Wirkung dieser Region. Sie drängt sich nicht auf. Es gibt keine überfüllten Aussichtspunkte und kaum Orte, die einem bereits hundertfach aus sozialen Netzwerken bekannt vorkommen. Vieles muss man selbst entdecken.
An meinem ersten Tag waren deshalb auch die Kamera und die Akkus schneller bereit als der Koffer ausgepackt. Andere Menschen schleppen Badetücher an den Strand, ich trage Speicherkarten und Kameraausrüstung den Berg hinauf. Jeder erholt sich offenbar auf seine eigene, unnötig komplizierte Weise.

In den kommenden Wochen möchte ich die Valli del Natisone nicht einfach nur als Ferienort zeigen. Ich möchte versteckte Wege finden, besondere Orte dokumentieren und den Menschen zuhören, die hier leben. Mich interessiert, wie sich die Täler verändern, welche Traditionen geblieben sind und welche Geschichten hinter den Häusern, Wegen und Landschaften liegen.
Dieser erste Tag war deshalb weniger der Beginn klassischer Ferien als der Ausgangspunkt einer Entdeckungsreise.

Die Valli del Natisone sind keine Region, die sich auf den ersten Blick vollständig erklärt. Vermutlich lohnt es sich gerade deshalb, genauer hinzusehen.