Der Natisone: Ein Fluss zwischen Paradies und Gefahr

Der Natisone prägt die Täler an der italienisch-slowenischen Grenze, denen er seinen Namen gegeben hat. Im Sommer wird an seinen Ufern gebadet, geschwommen und die Ruhe gesucht. Doch der Fluss kann sich nach starken Niederschlägen innerhalb kurzer Zeit verändern. Seit dem Tod dreier junger Menschen bei Premariacco im Mai 2024 ist diese andere Seite des Natisone weit über das Friaul hinaus bekannt.

In Stupizza braucht es nicht viel, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. Rund hundert Meter liegen zwischen der Strasse und dem Fluss. Das genügt. Unten am Wasser verliert der Verkehr an Bedeutung, vor einem liegen Kiesbänke, Felsen und der Natisone, dahinter steigen die bewaldeten Hänge der Valli del Natisone an. An guten Sommertagen ist das Wasser so klar, dass die Steine am Grund sichtbar bleiben.

Ich komme oft hierher. Stupizza ist für mich weniger ein Ort für Spektakel als einer für Ruhe. Man sitzt am Wasser, geht schwimmen, bleibt vielleicht länger als geplant. Der Natisone ist in diesen Momenten keine Sehenswürdigkeit. Er gehört einfach zum Tal.

Einige Kilometer weiter sieht derselbe Fluss bereits anders aus. Bei Vernasso zwängt er sich zwischen Felsen hindurch. Die Schlucht gehört zu den eindrücklichsten Abschnitten des Natisone, gerade weil sie sich schwimmend erleben lässt. In Biarzo wiederum findet man Stellen zum Baden und Springen; etwas flussaufwärts wird es ruhiger, und wer Abstand sucht, findet ihn meist. Auch bei Oculis lohnt es sich, den Fluss genauer anzuschauen.

Vernasso und Biarzo sind jene Orte, die ich persönlich Familien empfehlen würde. Daneben gibt es entlang des Natisone zahllose kleinere Zugänge und Badeplätze, manche gut besucht, andere erstaunlich einsam. Wer regelmässig hier ist, findet mit der Zeit seine eigenen Stellen. Nach einer Mountainbike-Tour kann das auch einmal bedeuten, das Bike abzustellen und kurz ins kalte Wasser zu springen. Eine Badehose gehört schliesslich nicht zur Standardausrüstung jeder Tour.

Diese Nähe zum Fluss gehört zum Leben in den Valli. Sie erklärt aber auch, weshalb es zu kurz greifen würde, den Natisone seit der Katastrophe von 2024 nur noch als Gefahr zu betrachten.

Klares Wasser ist nicht dasselbe wie ein harmloser Fluss

Die Klarheit des Natisone ist auffällig. Ob Wasser tatsächlich sauber ist, lässt sich allerdings nicht mit einem Blick vom Ufer beurteilen. Dafür gibt es Messungen.

Die regionale Umweltagentur ARPA Friuli Venezia Giulia überwacht die Qualität der offiziell ausgewiesenen Badegewässer. Am Natisone befindet sich eine solche Messstelle bei Stupizza. Untersucht werden unter anderem Escherichia coli und intestinale Enterokokken, die als Indikatoren für fäkale Verunreinigungen dienen. ARPA weist für die vergangenen Jahre eine ausgezeichnete Wasserqualität aus; auch 2026 wird die Messstelle in der höchsten Qualitätsklasse geführt.

Das ist eine erfreuliche Aussage über die Wasserqualität an diesem Messpunkt. Über die Sicherheit beim Baden sagt sie wenig aus. Ein Fluss kann mikrobiologisch einwandfreies Wasser führen und gleichzeitig eine Strömung entwickeln, gegen die ein Mensch keine Chance hat.

Beim Natisone ist dieser Unterschied besonders wichtig.

Sein Einzugsgebiet reicht weit über den Ort hinaus, an dem man gerade am Wasser sitzt. Niederschläge im Oberlauf können sich deshalb weiter unten bemerkbar machen, selbst wenn das Wetter dort keinen unmittelbaren Anlass zur Sorge gibt. Der breite Kiesstreifen, über den man am Morgen ans Wasser gelangt ist, muss am Nachmittag nicht mehr gleich aussehen.

Der Natisone hat solche Hochwasser nicht erst seit jüngster Zeit. Sie gehören zu seiner Geschichte. Die Katastrophe vom 31. Mai 2024 hat allerdings auf erschütternde Weise gezeigt, wie wenig Zeit zwischen einem scheinbar zugänglichen Flussbett und einer ausweglosen Situation liegen kann.

Vierzig Minuten bei Premariacco

Patrizia Cormos, Bianca Doroș und Cristian Casian Molnar hielten sich an jenem Freitag auf einer Kiesbank beim Ponte Romano in Premariacco auf, rund zehn Kilometer südöstlich von Udine. Das Wetter an ihrem Standort vermittelte zunächst nicht den Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe. Ein Bericht des italienischen Forschungsrats CNR hält fest, dass die Kiesfläche trocken war, als die drei sie erreichten. Das Gebiet war allerdings wegen der Gefahr plötzlicher Hochwasser mit einem Badeverbot belegt.

Dann stieg das Wasser.

Um 13.29 Uhr ging der erste Notruf von Patrizia Cormos ein. Etwa vierzig Minuten später wurden die drei von der Strömung mitgerissen. Die Bilder dieser Minuten verbreiteten sich später weltweit: Drei junge Menschen stehen im immer höher werdenden Wasser und halten sich aneinander fest, während vom Ufer und von der Brücke aus versucht wird, sie zu retten.

Patrizia Cormos war 20 Jahre alt, Bianca Doroș 23, Cristian Casian Molnar 25. Ihre Leichen wurden in den folgenden Wochen gefunden.

Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Situation entwickelte. Berichte unmittelbar nach dem Unglück beschrieben einen Anstieg des Abflusses von wenigen Kubikmetern pro Sekunde auf rund 250 Kubikmeter pro Sekunde. Der CNR bezeichnet das Ereignis als plötzliche Flut, die innerhalb weniger Minuten die Kiesbank vom Ufer abschnitt.

Gerade darin liegt eine der schwer einzuschätzenden Eigenschaften eines Flusses wie des Natisone. Gefahr muss am Anfang nicht gefährlich aussehen.

Zwei Jahre später beschäftigt der Natisone ein Gericht

Die Ereignisse von Premariacco sind juristisch noch nicht abgeschlossen. Vor dem Gericht in Udine läuft 2026 ein Strafprozess gegen drei Angehörige der Feuerwehr und einen Mitarbeiter der regionalen Gesundheitsnotrufzentrale SORES. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung vor. Zu klären ist insbesondere, wie die Notrufe bearbeitet wurden, welche Rettungsmittel wann angefordert wurden und ob die drei jungen Menschen bei einem anderen Ablauf hätten gerettet werden können. Für die Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

Im Juni 2026 beschäftigte sich das Gericht mit Simulationen der Guardia di Finanza. Dabei wurde untersucht, wann ein Helikopter den Unglücksort hätte erreichen können. Nach Aussagen, die im Prozess gemacht wurden, wäre rund zwanzig Minuten nach dem ersten Notruf technisch noch eine Landung auf der Kiesbank möglich gewesen. Für einen späteren Zeitpunkt wurde eine Rettung mit der Seilwinde simuliert. Ob daraus eine strafrechtliche Verantwortung folgt, ist Gegenstand des laufenden Verfahrens und nicht entschieden.

Die Zeugenaussagen zeigen zugleich, unter welchen Bedingungen die Einsatzkräfte vor Ort arbeiteten. Im Juli schilderte ein Feuerwehrmann vor Gericht seinen Versuch, die drei schwimmend zu erreichen. Er berichtete von einer aussergewöhnlich starken Strömung sowie von Ästen und Baumstämmen im Wasser. Solche Bedingungen habe er in dreissig Dienstjahren nicht erlebt.

Die gerichtliche Aufarbeitung wird zeigen müssen, ob in der Rettungskette Fehler gemacht wurden. Für Besucher des Natisone ist eine andere Erkenntnis bereits heute relevant: Die Situation am Fluss kann sich schneller verändern, als es die Landschaft zunächst vermuten lässt.

Ein Fluss lässt sich nicht auf seine Gefahr reduzieren

Nach Premariacco wäre es einfach, eine Warnung aus dieser Geschichte zu machen. Dem Natisone würde das nicht gerecht.

Er ist Lebensraum, prägt die Landschaft und gibt einer ganzen Region ihren Namen. Für die Menschen in den Valli ist er Badeplatz, Treffpunkt und Teil des Sommers. Seine Wasserqualität wird wissenschaftlich untersucht, sein ökologischer Zustand beobachtet. Auf italienischer und slowenischer Seite beschäftigen sich Gemeinden, Behörden und Organisationen mit seiner Entwicklung und seinem Schutz.

Für mich hat sich daran wenig geändert. Ich gehe weiterhin gerne nach Stupizza, gerade weil dort nicht viel passieren muss. Rund hundert Meter von der Strasse entfernt sitzt man am Wasser und hat trotzdem das Gefühl, für eine Weile anderswo zu sein. In Vernasso zieht es mich in die Schlucht, in Biarzo ins Wasser, und irgendwo zwischen den bekannteren Stellen findet sich fast immer ein Stück Natisone, das man für eine Weile für sich hat.

Seit Premariacco gehört allerdings ein Gedanke stärker dazu: Das ruhige Wasser vor einem ist eine Momentaufnahme.

Das ist kein Grund, den Natisone zu meiden. Es ist ein Grund, Wetter und Wasserstand ernst zu nehmen und nicht davon auszugehen, dass ein vertrauter Fluss heute dasselbe tut wie gestern.

Vielleicht beschreibt gerade dieser Widerspruch den Natisone besser als jedes Postkartenmotiv. Er kann an einem Sommernachmittag so friedlich wirken, dass man die Zeit vergisst. Wenige Kilometer weiter kann derselbe Fluss durch Felsen rauschen, nach Regen anschwellen und eine Kraft entwickeln, die kaum zu seinem zuvor so ruhigen Erscheinungsbild passen will.

Wer regelmässig an seinen Ufern sitzt, lernt deshalb nicht nur seine schönsten Plätze kennen. Mit der Zeit lernt man auch, dass Schönheit und Berechenbarkeit zwei verschiedene Dinge sind.

Der Natisone braucht keinen Mythos und keine Dramatisierung. Seine Landschaft ist eindrücklich genug, seine Geschichte ebenso. Was er verlangt, ist etwas wesentlich Unspektakuläreres: Respekt.

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