Die Valli del Natisone zwischen Aufbruch und Stillstand

Neue Radwege, Investitionen in Strassen und Gebäude, Bemühungen um den Erhalt der Sprache: In den Natisone-Tälern wird an vielen Stellen gearbeitet. Hinter den einzelnen Projekten steht eine grundsätzliche Frage: Wie lässt sich die Zukunft einer Region gestalten, deren kleine Dörfer seit Jahrzehnten Einwohner verlieren?

Wer die Valli del Natisone vor allem aus den Ferien kennt, nimmt die Gegend anders wahr als jemand, der dort seinen Alltag verbringt. Die Wälder, die kleinen Ortschaften, die schmalen Strassen und die Ruhe gehören für Besucher zu den grossen Vorzügen dieser Region im östlichen Friaul. Für die Menschen, die hier ganzjährig leben, haben dieselben Eigenschaften mitunter eine andere Bedeutung. Die Abgeschiedenheit bedeutet längere Wege, ein kleines Dorf verfügt nicht selbstverständlich über Einkaufsmöglichkeiten, und eine beschädigte Strasse kann für seine Bewohner zu einem ernsthaften Problem werden.

Ich verbringe seit vielen Jahren regelmässig Zeit in den Valli und habe eine besondere Verbindung zu dieser Gegend entwickelt. Gerade deshalb interessiere ich mich zunehmend dafür, was ausserhalb der Ferienmonate geschieht. In den vergangenen Wochen habe ich die lokalen Nachrichten genauer verfolgt. Dabei ist mir aufgefallen, wie viele kleinere Projekte derzeit in den Tälern diskutiert, vorbereitet oder umgesetzt werden. Für sich genommen schaffen es die meisten kaum über die regionale Berichterstattung hinaus. Zusammengenommen erzählen sie jedoch einiges über die Herausforderungen, vor denen die Valli stehen.

Ein Beispiel ist der geplante Radweg zwischen Loch, Stupizza und der slowenischen Grenze. Das Vorhaben soll eine Verbindung schaffen, die sich teilweise an der historischen Bahntrasse orientiert. Die Strecke ist planerisch anspruchsvoll, unter anderem wegen der engen Tallage und der vorhandenen Tunnel- und Brückenbauwerke. Bereits in früheren Jahren verzögerte sich das Projekt durch Schwierigkeiten im Bewilligungsverfahren. Dass weiterhin daran gearbeitet wird, zeigt sowohl das touristische Potenzial als auch die Mühen, die mit Infrastrukturprojekten in einem solchen Gelände verbunden sind.

Für die Region könnte diese Verbindung durchaus interessant werden. Wer heute von Cividale in Richtung Slowenien fährt, folgt meist der Hauptstrasse durch das Natisone-Tal. Eine durchgehende, attraktive Radverbindung würde zusätzliche Möglichkeiten für den sanften Tourismus eröffnen und die Verbindung zwischen den italienischen und slowenischen Nachbarregionen verbessern. Ob und wann die gesamte Strecke tatsächlich befahrbar sein wird, bleibt allerdings von den weiteren Verfahren und Bauarbeiten abhängig.

Dass Radfahren in den Valli zunehmend Aufmerksamkeit erhält, zeigt sich auch abseits dieses Projekts. Mit der Natisone Bike Arena ist in den vergangenen Jahren ein Angebot für Mountainbiker entstanden, das bestehende Wege und neue touristische Aktivitäten miteinander verbindet. Ich kenne einige dieser Trails aus eigener Erfahrung und engagiere mich dafür, die Region unter Mountainbikern bekannter zu machen. Dabei sehe ich durchaus Chancen, allerdings nicht in einem Tourismus, der möglichst viele Menschen gleichzeitig in die Täler bringen soll. Interessanter erscheint mir ein Angebot, von dem auch lokale Betriebe profitieren und das mit der Landschaft und den vorhandenen Strukturen vereinbar bleibt.

Neben solchen touristischen Vorhaben gibt es eine weniger spektakuläre, für die Bewohner aber mindestens ebenso wichtige Entwicklung. In verschiedenen Gemeinden stehen Investitionen in die Strasseninfrastruktur und den Schutz vor Naturgefahren an. In Savogna beschäftigen Hangrutschungen die Verantwortlichen, in Drenchia sind Arbeiten entlang der Provinzstrasse SP45 ein Thema, und auch in San Leonardo sowie auf der Verbindung zwischen Ponteacco und Mezzana wird über die Sicherheit der Verkehrswege berichtet. Hinzu kommen Massnahmen zum Hochwasserschutz, etwa am Torrente Alberone.

Solche Arbeiten sind in einer Bergregion keine Nebensache. Viele kleine Ortschaften hängen an wenigen Strassenverbindungen. Gleichzeitig stellen starke Niederschläge, instabile Hänge und die zahlreichen Wasserläufe hohe Anforderungen an deren Unterhalt. Für einen Feriengast ist eine gesperrte Nebenstrasse allenfalls ärgerlich. Wer dort wohnt und täglich zur Arbeit fahren muss, erlebt dieselbe Situation anders. Die Lebensqualität in den Tälern hängt deshalb nicht allein davon ab, wie schön die Landschaft ist, sondern auch davon, wie zuverlässig die alltägliche Infrastruktur funktioniert.

Interessant sind zudem die Bemühungen, bestehende Gebäude und Einrichtungen wieder einer Nutzung zuzuführen. In Podpolizza, einer Ortschaft der Gemeinde Pulfero, wurde die Verwaltung einer Liegenschaft beziehungsweise Einrichtung an die Sozialgenossenschaft Ew!Va vergeben. Welche langfristige Nutzung daraus entsteht und wann ein entsprechender Betrieb aufgenommen werden könnte, ist nach den bisher vorliegenden Informationen noch offen. Solche Projekte verdienen dennoch Aufmerksamkeit. In einer Gegend mit zahlreichen kleinen Siedlungen kann ein wieder genutztes Gebäude mehr bedeuten als eine zusätzliche Immobilie auf dem Markt. Es kann einen Treffpunkt schaffen, Dienstleistungen ermöglichen oder zumindest verhindern, dass ein weiterer Ortsteil an Lebendigkeit verliert.

Wie schwierig diese Entwicklung ist, zeigt ein Blick auf die Siedlungen selbst. In den Valli gibt es zahlreiche Weiler, in denen heute nur noch wenige Menschen wohnen. Häuser stehen leer, ehemalige Landwirtschaftsflächen sind zugewachsen, und nicht überall gelingt es, junge Familien zu halten oder neue Bewohner anzuziehen. Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen von Arbeitsmöglichkeiten über Erreichbarkeit bis zur Verfügbarkeit von Dienstleistungen. Der Rückgang der Bevölkerung lässt sich kaum mit einem einzelnen Tourismusprojekt aufhalten. Dafür braucht es wirtschaftliche Perspektiven und Lebensbedingungen, die auch ausserhalb der Ferienzeit funktionieren.

Bei all diesen Veränderungen darf ein weiterer Aspekt nicht vergessen gehen: die Sprache und die Kultur der Region. Die Valli del Natisone gehören zum historischen slowenischen Sprachraum. Das lokale Nadiško ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil ihrer Identität, auch wenn seine Weitergabe an jüngere Generationen keineswegs selbstverständlich ist. Veranstaltungen zur zweisprachigen Ortsnamengebung und Slowenischkurse, wie sie im Oktober wieder angekündigt wurden, zeigen, dass sich Menschen und Organisationen weiterhin für dieses kulturelle Erbe einsetzen.

Gerade die Ortsnamen erzählen viel über die Geschichte der Täler. Wer nur die italienischen Bezeichnungen kennt, erfasst einen Teil davon. Die slowenischen Namen erschliessen eine weitere Ebene, die über Jahrhunderte zum Leben in diesen Dörfern gehört hat. Der Erhalt dieser Sprache ist deshalb nicht bloss eine kulturelle Angelegenheit. Er betrifft auch die Frage, was von der Geschichte einer Region erhalten bleibt, wenn sich ihre Bevölkerung und ihre Lebensweise verändern.

In den lokalen Nachrichten tauchen ausserdem immer wieder kleinere Veranstaltungen, Feste und Initiativen auf. Sie mögen aus der Ferne unscheinbar wirken, sind für die Dörfer aber wichtig. Gerade in dünn besiedelten Gegenden hängt das gesellschaftliche Leben oft stark vom Engagement einzelner Menschen und Vereine ab. Ein Dorffest, eine gemeinsame Wanderung oder eine kulturelle Veranstaltung ersetzt keine fehlenden Arbeitsplätze. Es schafft aber Gelegenheiten, bei denen Menschen zusammenkommen und die Verbindung zu ihrem Wohnort erhalten bleibt.

Bei meiner Beschäftigung mit den Valli merke ich zunehmend, dass ich selbst zwei unterschiedliche Perspektiven auf diese Gegend habe. Einerseits liebe ich die Ruhe, die Landschaft und die kleinen Weiler. Ich geniesse es, auf dem Mountainbike unterwegs zu sein, Menschen zu treffen oder einfach einige Tage dort zu verbringen. Andererseits wird mir durch die regelmässige Beschäftigung mit den Nachrichten immer deutlicher, dass vieles von dem, was ich an den Tälern schätze, nicht selbstverständlich erhalten bleibt.

Es wäre bequem, sich zu wünschen, dass alles möglichst so bleibt, wie es ist. Gerade Besucher neigen dazu, Abgeschiedenheit und alte Dorfstrukturen zu romantisieren. Wer aber möchte, dass diese Orte auch in zwanzig oder dreissig Jahren bewohnt sind, muss Veränderungen zulassen. Neue Verkehrsverbindungen, wirtschaftliche Aktivitäten und touristische Angebote können dazu beitragen. Entscheidend wird sein, ob sie den Menschen vor Ort tatsächlich etwas bringen.

Die jüngsten Meldungen ergeben noch kein geschlossenes Bild einer Region im Aufschwung. Dafür sind viele Projekte zu klein, manche noch in Planung und die strukturellen Probleme zu tief verwurzelt. Von Stillstand kann allerdings ebenfalls keine Rede sein. In den Gemeinden wird investiert, diskutiert, organisiert und versucht, bestehende Möglichkeiten besser zu nutzen.

Für mich ist gerade das ein Grund, die Entwicklung der Valli del Natisone weiterhin aufmerksam zu verfolgen. Ich möchte diese Gegend nicht nur als Feriengast erleben und über schöne Landschaften schreiben. Mich interessieren auch die Menschen, die dort leben, ihre Schwierigkeiten und die Ideen, mit denen sie versuchen, ihre Dörfer lebendig zu halten.

Denn letztlich entscheidet sich die Zukunft der Valli nicht daran, wie viele Besucher im Sommer kommen. Wichtiger ist, ob es auch im November genügend Gründe gibt, dort zu bleiben.

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