In letzter Zeit lasse ich die Kamera erstaunlich oft zu Hause, wenn ich mit dem Mountainbike unterwegs bin. Das ist keine bewusste Abkehr vom Filmen und schon gar kein Vorsatz zur digitalen Enthaltsamkeit. Ich filme nach wie vor gerne, fotografiere viel und habe auch das nächste Bike-Video bereits im Kopf. Nur liegt mein letztes inzwischen einige Monate zurück, es entstand noch vor dem Sommer. Seither gab es etliche Touren, gute Trails, schöne Abende und vermutlich genügend Material für mehrere Videos. Nur existiert dieses Material nicht.
Anfangs war das eher Zufall. Irgendwann merkte ich aber, dass mir diese Fahrten ohne Kamera guttun. Wer regelmässig filmt, kennt den zweiten Blick, der sich irgendwann einschleicht. Man sieht nicht mehr nur einen Weg durch den Wald, sondern gleichzeitig eine mögliche Einstellung. Man fährt an einer Stelle vorbei und denkt, dass man hier eigentlich die Kamera hätte aufstellen können. Bei besonders schöner Aussicht wäre die Drohne noch interessant gewesen. Das geschieht nicht ständig und es verdirbt einem auch nicht die Tour. Aber ein kleiner Teil des Kopfes arbeitet bereits an der Erinnerung, während der Rest noch damit beschäftigt ist, sie überhaupt zu erleben.
Darin liegt ein merkwürdiger Widerspruch. Wir fotografieren und filmen Dinge, weil sie uns wichtig sind und weil wir uns später an sie erinnern möchten. Noch nie war das so einfach wie heute. Das Smartphone steckt ohnehin in der Tasche, Speicherplatz kostet praktisch nichts, und aus einem Wochenende können ohne besondere Anstrengung einige hundert Bilder entstehen. Was früher der Familienurlaub auf zwei Filmrollen war, entsteht heute mitunter bis zum Mittagessen.
Die Kamera ist dabei längst nicht mehr das einzige Instrument. Ein beträchtlicher Teil unseres Alltags hinterlässt inzwischen Daten. Die Wanderung hat eine Route, der Lauf eine Herzfrequenzkurve, die Velotour eine Durchschnittsgeschwindigkeit. Beim Konzert filmen wir den Lieblingssong, im Restaurant das Essen, in den Ferien den Sonnenuntergang. Danach landet einiges davon bei Instagram, Strava, Garmin, YouTube oder einfach in jener gewaltigen Fotosammlung auf dem Smartphone, in der wir theoretisch unser halbes Leben wiederfinden könnten, sofern wir jemals die Zeit hätten, es dort zu suchen.
Das lässt sich leicht als Auswuchs unserer digitalen Gegenwart verspotten, wäre aber etwas zu bequem. Ich möchte viele dieser Möglichkeiten nicht missen. Ich fotografiere seit Jahren und bin froh um Bilder von Menschen und Orten, die es so heute nicht mehr gibt. Videos von Reisen oder Bike-Touren können Erinnerungen zurückbringen, die längst verblasst waren. Selbst die Daten meiner Läufe interessieren mich. Zu sehen, ob ich schneller werde oder wie sich eine Strecke entwickelt, macht einen Teil des Reizes aus. Die Technik ist also nicht das Problem. Interessanter ist die Frage, was sie mit unserer Aufmerksamkeit macht.
Dazu gibt es eine Beobachtung, die wohl viele kennen. Vor einem besonders schönen Motiv greift man zum Telefon, macht ein Bild, betrachtet es kurz und steckt das Gerät wieder ein. Das dauert vielleicht zehn Sekunden. In diesen zehn Sekunden hat sich die Aufgabe allerdings verändert. Eben noch schaute man auf einen Berg, ein Kind, ein Konzert oder einen Sonnenuntergang. Nun sucht man einen Ausschnitt, wartet auf den richtigen Moment und kontrolliert anschliessend das Ergebnis. Aus dem Erlebnis ist für einen kurzen Augenblick eine Produktion geworden.
Das muss nicht schlimm sein. Manchmal führt gerade das Fotografieren dazu, genauer hinzusehen. Wer mit einer Kamera unterwegs ist, achtet auf Licht, Details und Perspektiven, die ihm sonst entgangen wären. Ich kenne das gut. Auf Reisen habe ich wegen der Fotografie Orte entdeckt, an denen ich sonst vorbeigegangen wäre. Beim Filmen auf dem Bike ist es ähnlich. Man beschäftigt sich intensiver mit der Umgebung, sucht Standorte und betrachtet einen Trail plötzlich aus einer anderen Perspektive. Dokumentieren und Erleben sind keine Gegensätze.
Nur ist mir auf meinen Fahrten ohne Kamera aufgefallen, wie angenehm es sein kann, diese zweite Ebene gelegentlich wegzulassen. Eine schöne Passage muss dann nichts weiter sein als eine schöne Passage. Wenn ich oben anhalte und ins Tal schaue, entsteht daraus keine Aufnahme. Ich muss nicht entscheiden, ob es sich lohnt, die Drohne auszupacken. Auch der Gedanke, eine besonders gelungene Stelle nochmals zu fahren, weil die Kamera beim ersten Mal ungünstig stand, erledigt sich von selbst. Ich fahre weiter.
Vielleicht fällt mir das deshalb so auf, weil sich inzwischen nicht nur Bilder produzieren lassen, sondern aus fast jedem Hobby ein kleines öffentliches Projekt werden kann. Wer gerne kocht, kann Rezepte veröffentlichen. Wer läuft, teilt seine Aktivitäten. Wer fotografiert, führt einen Account. Wer Musik macht, kann sie auf Streamingplattformen stellen. Wer Mountainbike fährt, eröffnet einen YouTube-Kanal. Nichts davon ist verkehrt, vieles macht sogar zusätzlichen Spass. Aber mit der Möglichkeit entsteht beinahe unbemerkt auch eine Erwartung: Wenn schon etwas Interessantes passiert, könnte man doch etwas daraus machen.
Ich kenne diesen Reflex ziemlich gut. Eine Idee bleibt bei mir selten lange einfach eine Idee. Sie bekommt einen Namen, wird zu einem Projekt und landet irgendwann zuverlässig in einem Ordner auf irgendeiner Festplatte. Auch dieser Blog ist auf diese Weise gewachsen. Deshalb wäre es ziemlich unglaubwürdig, ausgerechnet hier für eine Welt zu plädieren, in der wir nichts mehr festhalten und alles nur noch im Augenblick geniessen. Der nächste Artikel würde vermutlich bereits daran scheitern.
Es geht mir um etwas anderes. Vielleicht müssen wir nicht bei jedem schönen Moment entscheiden, was davon bleiben soll. Manche Dinge dürfen verschwinden, zumindest in ihrer reproduzierbaren Form. Von einigen meiner besten Bike-Runden dieses Jahres gibt es kein Video. Vielleicht zwei oder drei Fotos, manchmal nicht einmal das. Ich kann sie niemandem zeigen, nicht schneiden und nicht irgendwann auf YouTube stellen. Nach den Regeln unserer umfassend dokumentierten Gegenwart sind sie erstaunlich schlecht archiviert.
Verloren fühlen sie sich trotzdem nicht an.
Im Gegenteil. Bei manchen erinnere ich mich noch genau an eine Abfahrt, an einen bestimmten Abschnitt im Wald, an das Wetter oder an irgendeinen völlig nebensächlichen Moment während einer Pause. Andere Erinnerungen werden mit der Zeit verschwimmen. Das hätten vermutlich auch vierzig Videos nicht verhindert, denn niemand schaut sich sein eigenes Leben vollständig noch einmal an.
Vielleicht überschätzen wir manchmal, wie viel davon erhalten bleiben muss. Wir besitzen heute wahrscheinlich mehr Bilder von einem einzigen Ferienjahr als unsere Grosseltern von mehreren Jahrzehnten ihres Lebens. Trotzdem würde kaum jemand behaupten, ihre Erinnerungen seien deshalb weniger wirklich gewesen.
Die Kamera kommt bei mir wieder mit. Das nächste Video wird entstehen, und vermutlich werde ich dafür wieder an irgendeinem Trail die gleiche Stelle zweimal fahren, weil beim ersten Versuch die Aufnahme nichts geworden ist. Ich freue mich sogar darauf.
Sie muss nur nicht jedes Mal dabei sein.
Es gibt Fahrten, von denen am Ende keine Datei bleibt, kein Video und vielleicht nicht einmal ein Foto. Lange Zeit hätte ich das als verpasste Gelegenheit betrachtet. Inzwischen glaube ich, dass genau darin manchmal der Wert liegt: Für ein paar Stunden gibt es nichts festzuhalten, nichts aufzubereiten und nichts zu zeigen.
Man war einfach dort.


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